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Gudrun, Alleinerziehende Mutter, 2 Kinder, Eierstockkrebs

18.01.2018

 

"Meine (Krebs)Geschichte beginnt am 21.2.2017.

 

Ich hatte für den 21.2.17 einen Termin in einer Klinik in München, um eine Zyste an meinem linken Eierstock entfernen zu lassen. Ein geplanter Routineeingriff, der nicht länger als 2 Tage dauern sollte. Ich ließ mich also von einem lieben Bekannten (ich bin eine alleinerziehende Mutter von 2 Kindern und hatte somit keinen Mann, der mich hinfährt und bei mir ist) morgens in die Klinik fahren und hatte zu Hause alles soweit geregelt, dass ich in 3 Tagen wieder zurück sein konnte. Die Biopsie verlief wie geplant, ich wachte am Nachmittag auf und dachte, super, jetzt habe ich das auch hinter mir. Bis dann der Arzt später kam...

 

Ich kann mich nur noch erinnern, dass er sagte: "Frau Benteler, ich habe schlechte Nachrichten für sie". Er erklärte mir dann, dass man während der Biopsie in meinem Bauchraum mehrere Tumore entdeckt habe, von denen sie nun Proben genommen haben, um sie zu untersuchen. Er machte mir wenig Hoffnung, dass die entnommenen Proben NICHT bösartig sind. Ich muss zugeben, ich habe insgesamt nicht viel von diesem Gespräch mitbekommen, da ich wohl sofort unter Schock stand. Ich kann mich dann erst wieder richtig erinnern als er sagte: "Und im Anschluss müssen wir dann noch eine Chemobehandlung machen". Erst da realisierte ich, dass er tatsächlich von Krebs sprach.

 

Ich war völlig geschockt, durcheinander und allein…

Was dann folgte waren Anrufe unter Tränen und völlig aufgelöst mit meiner Schwester, meinen Eltern und einer meiner 3 besten Freundinnen. Die Freundin hat sich zum Glück gleich ins Auto gesetzt und ist gekommen, sie war und ist ein großer Halt in dieser schweren Zeit. Für meine Familie (alle 400 bzw 600 km entfernt) war es ebenso ein Schock wie für mich. Mir fehlen noch heute die richtigen Worte zu beschreiben, was in einem vorgeht, wenn man diese Diagnose bekommt. Ich habe 2 Kinder (14 und 17 Jahre) und bin seit einigen Jahren allein. Wie sollte ich es ihnen beibringen und soll man die ganze Wahrheit sagen? Was ist in so einer Situation richtig und was ist falsch? Es gibt kein Handbuch dafür, man muss sehr viel in sich rein horchen und dann entscheiden.

 

Am nächsten Tag kam dann die Bestätigung aus dem Labor, dass es sich um bösartigen Eierstockkrebs handelt. Ein Alptraum nimmt seinen Lauf.

Zum Glück konnte ich gleich am nächsten Tag operiert werden und musste nicht lange darauf warten, dieses bösartige Etwas aus meinem Körper zu entfernen.

Die OP dauerte 6h und war echt heftig. Zum Glück konnte operativ alles entfernt werden. Man hatte Tumore an 23 verschiedenen Stellen in meinem Bauchraum entfernt!! Die Eierstöcke, Gebärmutter, Blinddarm und Bauchnetzhaut fehlten mir nun und die ersten Tage nach der OP waren wirklich schlimm. Auch da hatte ich eine meiner besten Freundinnen jeden Tag an meiner Seite!

Die Visite jeden Tag war geprägt von vielen Fragen, die ich mir immer im Laufe des Tages aufgeschrieben habe. Später kamen die Ärzte immer und fragten nur:“ Und, was steht heute wieder auf Ihrem Zettel?“. Das war wichtig für mich, da ja ALLES neu war. Nachdem ich dann gefühlt das 17. mal gefragt hatte, ob denn eine Chemo wirklich sein müsse, fragte mich der Arzt dann nur: “Möchten Sie Ihre Kinder aufwachsen sehen? Dann machen Sie die Chemo“. Von dem Moment an, habe ich mich damit abgefunden, meine wunderschönen langen Haare zu verlieren. Nach 3 Wochen Krankenhausaufenthalt habe ich meine erste Chemo bekommen und durfte dann endlich einen Tag später wieder nach Hause. Ich habe 6 Zyklen Chemo bekommen im Abstand von 3 Wochen und zum Glück habe ich sie körperlich recht gut vertragen. Ich sage hier ganz bewusst, dass ich sie körperlich gut vertragen habe. Mein Kopf/Psyche hatte große Probleme das Ganze zu verarbeiten und zu akzeptieren.

 

Da mir bewusst war, dass diese Diagnose nicht so leicht zu verarbeiten ist, habe ich noch im Krankenhaus eine Therapeutin kontaktiert um dann im Anschluss in eine therapeutische Behandlung zu gehen. Ich kann diese nur jedem empfehlen, da es wirklich hilft mit dieser Diagnose und den Ängsten besser fertig zu werden. Meine Behandlung dauert im Moment noch an und ich bin sehr dankbar dafür. Meine Kinder waren dann zuerst etwas verunsichert, als ich nach Hause kam, da sie ja nicht wussten, WIE ich nun nach Hause komme und wie ich mich vielleicht auch schon verändert habe.

 

Ich habe dann mit dem Vater der Kinder gemeinsam entschieden, dass wir den Kindern schon die ganze Wahrheit sagen, aber natürlich nicht die Ängste oder auch die möglichen Folgen in der Zukunft so detailliert erklären. Heute kann ich sagen, dass war gut so. Sie haben sich eine gewisse kindliche Naivität erhalten, die bedeutet, sie glauben fest daran, dass die Mama wieder komplett gesund wird.

Ich habe meine Kinder bei der Auswahl der Perücke dabei gehabt, um sie so etwas spielerisch und lustig auf diese Situation vorbereiten zu können. Und es war teilweise sehr lustig, wenn ich die Perücken probiert habe. Als es dann soweit war, dass die Haare ausgegangen sind, habe ich damit echt zu kämpfen gehabt. Wenn man immer schon sehr viel Wert auf sein Äußeres legt und tolle lange Haare hat, dann ist dieses Gefühl, die Haare zu verlieren, wirklich schlimm. Ich habe mich auch ganz lange nur meinen Kindern mit Glatze gezeigt, ich wollte nicht, dass mich jemand anderes ohne Haare sieht. Auch wenn die Freunde damit gar nicht so das Problem gehabt hätten, ICH hatte ein gewaltiges Problem damit.

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Jeder Blick in den Spiegel tat weh. Und es wurde noch schlimmer, als dann auch irgendwann die Augenrauen und Wimpern ausfielen. Man ist einfach nicht „Ich“ wenn man in den Spiegel schaut. Und richtig sauer wurde ich dann später immer wenn so kluge Sätze kamen wie: „Sind ja nur Haare, die wachsen wieder“. Ja, aber JETZT bin ich blank und JETZT leide ich sehr darunter! Bitte, wer immer das hier liest, macht Euch nichts vor, es wird eine wirklich schwere Zeit.

 

Ich wollte auch nie Bilder aus dieser Zeit haben, bis mir Markus Besseler ans Herz gelegt hat, doch mal "Memories for Families" anzurufen. Lieber Markus, an dieser Stelle 1000 Dank für das Gespräch und Deine Worte. Heute bin ich unglaublich froh, Bilder von mir mit Glatze zu haben, da dies einfach ein Kapitel in meinem Leben ist, was zu mir gehört. Und liebe Olga Slach, 1000 Dank für die unglaublich schönen Bilder, die Du von mir mit meinem Sohn und meiner lieben Freundin Ulla gemacht hast. Du hast es geschafft, die Situationen so emotional einzufangen, dass ich jedes Mal aufs Neue davon berührt bin und mir die Tränen kommen.

 

Ich selber habe auch immer das Bedürfnis Kontakt zu „Mitstreitern“ zu haben und zu halten. Es tut mir irgendwie gut, mich mit anderen Krebspatienten auszutauschen, die Basis auf der man sich unterhält, ist irgendwie anders. Darum freue ich mich auch schon jetzt auf meine 2 Reha im kommenden Jahr. Die erste Reha im Juli hat mir so richtig gut getan und Mut gemacht.

Ich habe durch meine Krankheit die Bekanntschaft von tollen Menschen gemacht, die ich sonst niemals kennen gelernt hätte. Da ich noch alle 3 Wochen meine Avastin Infusion bekomme und dort immer die gleichen „Mitstreiterinnen“ treffe, hat es sich nun schon ergeben, dass wir uns immer absprechen, wann es bei uns passt und dann machen wir erst den Termin im Krankenhaus zur Infusion aus. Bei der letzten Infusion in diesem Jahr kurz vor Weihnachten, gab`s dann zur Belohnung einen (alkoholfreien) Prosecco für uns alle. Das war richtig schön!

 

In ein paar Tagen fängt nun ein neues Jahr an und ich habe es geschafft, wieder voller Zuversicht in das Jahr 2018 zu starten. Ich habe immer noch meine Momente, in denen ich traurig, wütend und auch manchmal noch verzweifelt bin, aber meine Therapeutin sagt, das ist ganz normal. Ich solle mir Zeit geben, ein Schock dauert manchmal bis zu 2 Jahre, bis die Seele es verarbeitet hat.

Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich sonst nicht gemacht hätte und ich schätze das Leben nun viel mehr. Ich freue mich oft an so kleinen Dingen, bin dankbar und habe vor noch meine Enkelkinder groß werden zu sehen. Also, wer immer das hier liest und aus welchem Grund auch immer es gelesen wird, ja, es ist eine sch…. Zeit und es wird schwer. Aber bitte verliert nicht die Zuversicht, dass es zu schaffen ist. Auch ich habe Angst, dass es das jetzt noch nicht war, aber die Angst beherrscht mich nicht. Sollte jemand das Bedürfnis haben mit mir Kontakt aufnehmen zu wollen, so kann man sich gerne an Olga Slach wenden, Sie kann dann da weiter helfen.

 

Ich wünsche uns allen für die Zukunft Gesundheit, Zuversicht und viel Freude am Leben!!

 

 

Ganz herzliche Grüße

Eure Gudrun."

Wir möchten uns recht herzlich bei Gudrun bedanken, dass Sie so offen über Ihre Erfahrung spricht. Unser besonderer Dank gilt auch Herrn Markus Besseler, Geschäftsführer/ Beratungstellenleiter von der Bayerischen Krebsgesellschaft e.V., für die erfolgreiche Zusammenarbeit und die Kontaktvermittlung. Ohne seiner Hilfe wäre dieses Shooting gar nicht Zustande gekommen. 

 

© Fotograf - Olga Slach Photography

 

 

 

 

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