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Julia, verheiratet, 3 Kinder, Brustkrebs

12.06.2017

In unserer Familie ist Krebs schon lange ein Thema. Meine Mutter erkrankte 1988 zum ersten Mal an Brustkrebs. Damals war ich 11 und es hat unser Leben ganz schön durcheinander gebracht. Meine Mutter war damals gerade 44 – für damalige Verhältnisse extrem jung für Brustkrebs.

Ich wusste seit damals, dass ich gut auf mich aufpassen muss, dass die Selbstkontrolle das A und O ist. Bereits mit 18 wurde mir von meiner damaligen Frauenärztin ein Gentest angeboten, den ich abgelehnt habe, weil ich es nicht wissen wollte. Was hätte ich auch mit dem Wissen anfangen sollen? Eine Sicherheit hätte es mir ja trotzdem nicht gegeben.

2005 erkrankte meine Mutter zum zweiten Mal. Im Jahr 2010 meine Tante, ihre Schwester. Meine Mutter hat beide Erkrankungen überlebt, meine Tante verstarb leider bereits kurz nach der Diagnose.

2013 bat ich meine Mutter, mit mir zur genetischen Beratung zu gehen. Ich hatte zwischenzeitlich 3 Kinder, davon 2 Mädels. Und ich lag im Clinch mit der Krankenkasse, die mir ohne Brustkrebserkrankung kein MRT zur Diagnostik bezahlen wollten. Bei nachgewiesener genetischer Veranlagung ist das Früherkennungsnetz enger und besser – das wollte ich meinen Kindern ohne Kämpfe mit der Krankenkasse erschließen.

Bei der genetischen Untersuchung kam dann heraus, dass meine Mutter und ich beide das BRCA1-Gen tragen. Mein Bruder nicht.

Ich wusste vorher schon, dass ich Risikogruppe bin – allerdings macht es einen Unterschied, ob man ein „erhöhtes Risiko“ hat oder ob man weiß, dass die Wahrscheinlichkeit zu erkranken bei 80-95% liegt.

Im September 2013 ertastete ich einen Knoten in meiner Brust und ca. 1,5 Wochen später lag das Ergebnis auf dem Tisch: mehrherdiges Mammakarzinom links, NST mit ausgedehnter DCIS-Komponente, G3

Brustkrebs mit gerade einmal 36 Jahren.

Meine Kinder damals knapp 3, 5 und 7 Jahre alt.

Die schlimmste Zeit war tatsächlich das Warten auf die Diagnose. Diese Zeit zwischen Hoffen und Bangen. Das Gefühl, dass das Schicksal am seidenen Faden hängt. Eigentlich war von anfang an klar, was es ist – und trotzdem keimte immer wieder die Hoffnung. Leider hat sie sich nicht bewahrheitet.

Ich habe den tollsten Frauenarzt der Welt – er hat mich und meinen Mann gemeinsam nach Praxisende eingeladen und uns in Ruhe erklärt, was alles da ist. Er hatte schon einen Termin im Klinikum für mich gemacht und so ging alles seinen Gang.

Für uns alle war die Diagnose natürlich ein Schock – wir haben aber von Anfang an sehr offen darüber geredet. Untereinander und auch mit den Kindern. Die Kinder durften mit allen Fragen kommen, alle wurden beantwortet. Auch die „Mama – stirbst Du jetzt?“-Frage.

Nachdem die OP-Planung im Klinikum etwas hakend war, stand doch endlich der OP-Termin, danach erhielt ich 6 TAC-Chemos und 28 Bestrahlungen.

Tatsächlich verschwimmt die Zeit der Behandlung in meiner Erinnerung ein bisschen. Ich kann mich nicht an vieles erinnern.

Ich habe damals gebloggt, um mir alles von der Seele zu schreiben. Und damit alle, die sich nicht trauen zu fragen und trotzdem wissen wollen wie es mir geht, eine Möglichkeit haben, nachzusehen.
Der Blog steht noch unter http://kleinerbloggegendieangst.blogspot.de

 

Das Schwierigste für uns alle war die Ungewissheit. Das Warten auf Behandlungen, die Ungewissheit, wann was gemacht wird usw.

Kraft gegeben hat mir meine Familie. Die Tatsache, dass ich eine Verantwortung für meine Kinder habe hat mich gezwungen, möglichst schnell wieder auf die Füße zu kommen. Tatsächlich hat mir auch das Fotografieren geholfen. Weil es mich gezwungen hat, mich auf etwas anderes als die Krankheit zu fokussieren.

Kraft gegeben hat mir mein Mann, der immer und zu jeder Zeit vollkommen hinter mir stand und auf den ich mich auch jetzt immer verlassen kann.

 

Besonders wichtig für alle Betroffenen finde ich, dass man sich das Recht gibt, nicht nur krank zu sein. Man wird oft gefragt, wie es einem geht und die Buschtrommeln verbreiten ja auch ganz schnell, was los ist – manchmal hat man da das Gefühl, alle erwarten von einem, dass man langsam dahinsiecht. Das muss man aber nicht. Schlimm genug, dass es Tage gibt, an denen es einem wirklich beschissen geht. Ich finde, die anderen darf man ruhig genießen. Da darf es einem trotz Krebs gut gehen. Da darf man auch genießen, dass man nicht arbeiten geht.

Ich bin auch überzeugt davon, dass es gut war, dass wir alle sehr offensiv mit dem Thema umgegangen sind. Ich habe von mir aus erzählt, dass ich Krebs habe. Mich durfte jeder drauf ansprechen, die Kinder durften offen darüber reden usw. Ich halte nichts davon, es zu einem Tabu-Thema zu machen. Ja ich habe/hatte Krebs, aber ich BIN nicht Krebs. Das fanden anfangs viele meiner Mitmenschen verwunderlich – im Nachhinein habe ich aber viele positive Rückmeldungen dazu bekommen.

Allen Betroffenen würde ich auch noch raten, ihren Weg zu finden, alles rauszulassen. Das kann schreiben sein oder fotografieren, ein Tagebuch, eine gute Freundin, ein Seelsorger oder eine Selbsthilfegruppe. Das kann Spazierengehen, Radeln oder auch malen sein – jeder hat da seinen eigenen Weg. Wichtig ist nur, nichts in sich hineinzufressen.

Und: Man muss nicht mit allem alleine klar kommen, man darf sich auch Hilfe holen.

 

Familienbilder sind für mich unglaublich wichtig. Weil kein Mensch alles erinnern kann und Bilder helfen uns dabei. Und weil eines Tages auch ich und mein Mann und meine Kinder nicht mehr sein werden, als Erinnerungen auf Bildern. Deshalb finde ich es wichtig, dass es Bilder gibt, die die Erinnerung festhalten. Und bei uns gibt es zum Glück viele Bilder!

 

Allen gesunden Leuten wünsche ich, dass sie gesund bleiben. Und dass sie glücklich sind – wobei ich das natürlich allen wünsche, auch den Kranken. Ich wünsche jedem, dass er das Glück in seinem Leben findet und nicht immer einem anderen Glück nachjagt.

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