© 2019 MEMORIES for FAMILIES

1. Einsatz von MEMORIES for FAMILIES: 10 Hände oder ein besonderes Familienshooting

06.05.2017

 

 

© Fotograf - Olga Slach Photography

 

 

Sonntagvormittag. Ich steige nach einem Familienshooting ins Auto und kann die Tränen kaum noch zurückhalten. Es ist das erste Mal, dass ich nach einer Fotosession weinen muss. Ich habe gerade eine Familie mit drei kleinen Kindern fotografiert, welche 6, 4 und 2 Jahre alt sind. Auf diese Familie wurde ich zufällig im Dezember 2016 aufmerksam. Als die Mutter mit dem 3. Kind schwanger war, wurde bei ihrem Mann ein bösartiger Hirntumor festgestellt. Seitdem kämpfte der Vater aus aller Kraft gegen den Krebs, aber baute immer mehr ab. Sie wussten nicht, wie lange ihnen noch Zeit zu fünft bleiben würde...

 

Ihre  Geschichte berührte mich sehr und es  lag mir persönlich am Herzen, der Familie zu helfen. Meine eigene Mama starb an einem Hirntumor, als ich gerade mal 1,5 Jahre alt war. Ich habe leider kaum Erinnerungen an sie und nicht einmal ein einziges gemeinsames Foto mit ihr. Daher weiß ich jetzt, wie wichtig es ist, Erinnerungsbilder an eigene Eltern und Kindheit zu haben. Ich wollte dieser Familie unbedingt ein Fotoshooting schenken, damit die Kinder sich später noch an ihren Papa erinnern können. 

 

Leider konnten wir längere Zeit keinen passenden Termin ausmachen. Erst kam die neue Therapie, dann ein Krankenhausaufenthalt, später verschlechterte sich der Zustand immer mehr. Ich hatte die Hoffnung auf unser gemeinsames Fotoshooting schon fast aufgegeben, als ich Anfang März eine Nachricht von der Mutter bekam. Es war ein Donnerstag und sie fragte, ob ich kurzfristig am kommenden Sonntag Zeit hätte. Ihrem Mann ging es nun schon sehr schlecht. Die Ärzte geben ihm nur noch Tage und sie wünscht sich so sehr ein letztes Familienbild. 

 

Ich hatte plötzlich furchtbare Angst vor diesem Termin. Wie sollte ich mit dieser Situation umgehen? Wie sollte so ein Shooting ablaufen? Wie sollte ich mich verhalten, würde ich dem Ganzen wirklich gewachsen sein oder würden meine Emotionen mich überwältigen? Immerhin war ich selbst betroffen. Als Ehefrau. Als Mutter. Und vor allem als Tochter, die ihre eigene Mutter an die gleiche Krankheit verloren hatte.

 

Als ich dann sonntags zur vereinbarten Zeit ankam, sah ich drei fröhliche Kinder, die sich ganz "normal" verhielten, spielten und sogar Quatsch machten. Der große Sohn hat für den Papa eine schöne Blume gemalt und legte ihm das Bild auf die Brust. Der Vater lag im Pflegebett, das im Wohnzimmer aufgestellt war. Eine Seite war bei ihm bereits komplett gelähmt und er befand sich in einem Tiefschlaf, aus dem er schon seit einigen Tagen nicht mehr richtig aufgewacht war. 

 

Doch während ich begann, Fotos zu machen, wachte er tatsächlich auf. Als hätte er gespürt, dass ich gekommen war, um gemeinsame Erinnerungen für seine Frau und die Kinder festzuhalten.  Als die Mutter den Kindern ein Buch vorlas, sah ich immer wieder auch seinen Blick. Danach machten sie einen Wettbewerb, wer am schnellsten seinen Kirschlutscher aufisst. Kirsche war der Lieblingsgeschmack von Papa. Als hätte ihm dies noch zusätzliche Kraft gegeben, konnte er sogar den Lutscher selber in der Hand halten. Sie hatten alle richtig Spaß dabei und freuten sich, dass auch Papa mitmachen konnte. Am Ende gab es noch ein Spiel, in dem alle ihre Hände aufeinander legten. 10 Hände. So nah und doch so fern. Eine Stunde war vorbei. Papa brauchte wieder seine Ruhe... 

 

Ich sitze nach dem Shooting noch eine Weile im Auto und erst jetzt überwältigen mich die Gefühle. Die Tränen wollen nicht aufhören zu laufen. Wegen des Schicksals der Familie. Wegen meiner eigenen Geschichte und Trauer um meine Mama. Aber auch aus Dankbarkeit, dass es zeitlich nun doch noch geklappt hat und ich der Familie und vor allem  den Kindern das schenken kann, was ich selbst nicht habe. Ein paar Erinnerungsbilder mit ihrem geliebten Papa.

 

3 Tage nach unserem Fototermin hat der Familienvater den Kampf gegen den Krebs leider endgültig verloren. An diesem Sonntag sind die letzten Familienbilder von den Fünfen entstanden. Für immer. 

 

Das war mein erster Einsatz im Rahmen des Projektes "MEMORIES for FAMILIES". 

 

 

Herzlichst,

 

Eure Olga Slach, Fotografin und Initiatorin von MEMORIES for FAMILIES

 

 

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